Informationsveranstaltung bei der Firma Ottobock (17-19.9.2015)

Auch in diesem Jahr veranstaltete die Firma Ottobock einen Tag für Selbsthilfegruppen. Unsere Gruppe hat sich ja im letzten Jahr sehr vergrößert, so dass neue Mitglieder an einem Firmenbesuch interessiert waren. Aber auch einige von uns, die eine solche Veranstaltung bereits mitgemacht hatten, hatten Lust auf eine Wiederholung.

Wir machten uns am 17.9.2015 mit vier Privat-Pkws auf den Weg nach Duderstadt, das im wunderschönen Eichsfeld liegt. Der Wettergott meinte es sehr gut mit uns, deshalb hatten wir eine entspannte Anreise. Unsere Unterkunft im Hotel „Zum Kronprinzen“ war gut geeignet und ansprechend; man hatte sich bemüht, uns Zimmer zu geben, die eine ebenerdige Dusche hatten; sogar der Duschhocker fehlte nicht.

Ottobock hatte uns für diese Tage ein Rahmenprogramm zusammengestellt, damit wir auch vom Umfeld des Unternehmens etwas zu sehen bekamen. Es begann um 17.30 Uhr mit der Besichtigung des Rathauses von Duderstadt. Wir wurden zusammen mit einer weiteren Berliner SHG in einem Shuttle vom Hotel dorthin gebracht. Dieser Bus stand uns auch für den nächsten Tag zur Verfügung.

Das Rathaus, einst als Kaufhaus im Fachwerkstil mit zahlreichen Türmen und Erkern erbaut, diente den Händlern im Mittelalter als Marktplatz und war Mittelpunkt bürgerlichen Lebens. Heute ist es ein kulturelles und touristisches Zentrum. Tief in seinen Mauern beherbergt es eine Folterkammer, einen Weinkeller und den Rathaussaal. Wir wurden z.T. auf engen Treppen zu wahren Kletterkünstlern; das war Gehschule pur! Unsere Physiotherapeuten wären stolz auf uns gewesen!

Unsere Fremdenführerin hatte viel Fachwissen und erzählte nette Episoden, unter anderem auch, wie die Stadt zu ihrem Namen kam. Damals gab es einen Streit zweier Brüder, die sich einen Namen für die neu gegründete Stadt ausdenken sollten. Einer sagte zum anderen: “ Gib-Du-der-Stadt-den-Namen“! Der andere sagte: „Das ist es!“, und somit war der Name geboren.

Vom Rathausturm hat man einen fantastischen Ausblick auf die Altstadt mit ihren vielen verschiedenen Fachwerkhäusern und der Fußgängerzone mit Cafes, zwischen denen die kleine Brehme (Bächlein) plätschert.

Nach der Besichtigung gab es im Hotel „Zum Löwen“ ein gemeinsames Abendessen. Zwei Mitarbeiter der Firma Ottobock kamen dazu und verbrachten mit uns den Abend. Es wurde über Versorgungen gefachsimpelt und über das Leben und die Sorgen der SHG gesprochen.

Von unserem Busfahrer wurden wir zurück in unser Hotel gebracht, und nach einem kurzen Gute- Nacht-Trunk ging es für alle zeitig ins Bett, denn der nächste Tag sollte anstrengend werden.

Nach einem leckeren Frühstück ging es am Morgen zum Firmengelände von Ottobock. Es gab eine kurze Begrüßung und Einführung in den Ablauf unseres Besuches. Wir wurden in mehrere Gruppen für Unterschenkel- und Oberschenkelamputierte aufgeteilt, aber auch für Armamputierte und Hüftexartikulations-Betroffene gab es dieses Mal Ansprechpartner.

Für Unterschenkelversorgungen wurden das neue Unterdrucksystem DVS sowie der hydraulische Fuß, Tritin Smart Ankle, vorgestellt. Beides wurde sehr anschaulich vom OT-Techniker Martin Degenharth, selbst doppelseitig amputiert, demonstriert.

Ohne Berührungsängste wurden viele Fragen gestellt und auch sehr offen von ihm beantwortet.

Den Oberschenkelamputierten wurde das neue Kenevo Knie sowie das C-Leg 4

präsentiert. Natürlich durfte auch das Genium/ X3 nicht fehlen. Auch hier gab es eine Probandin, die alles eindrucksvoll vorführte.

Auch die Armamputierten, einer aus unserer, die andere aus der Spandauer Gruppe, hatten es diesmal gut. Der Leiter der Armprothetik, Erik Andres, nahm sich viel Zeit und stellte die Michelangelo-Hand mit flexiblem Handgelenk, den dynamischen Arm und neue flexible, aufpumpbare Schäfte vor, die noch gar nicht auf dem Markt sind. Es wurde viel gefachsimpelt und Erfahrungen ausgetauscht. Dabei wurde deutlich, wie unterschiedlich die Bedürfnisse von Amputierten der oberen Extremität sind, sei es in kosmetischer oder funktioneller Hinsicht. Herr Andres gab auch einen Ausblick auf die weitere Entwicklung der Armprothetik.

Bei der Werksbesichtigung konnte man schnell einen Eindruck gewinnen, wie groß das Firmengelände ist. Schon die Laufwege waren für einige von uns eine Herausforderung. Live zu sehen, wo mein Liner, die Kniekappe oder vielleicht mein C-Leg, das ich trage, herkommt, war einfach toll.

Beindruckend waren auch die Logistikabteilung und das unordentliche bzw. „chaotische“ Lager, das alleine schon durch seine Größe bestach. Ein ausgeklügeltes Computersystem sorgt in dieser gewollten Unordnung für den optimalen Durchblick.

Um die Mittagszeit gab es für uns einen Imbiss in der Cafeteria und danach traf man sich zu einer Abschlussdiskussion. Nach einem Gruppen-Foto war gegen 16.00 Uhr die Veranstaltung beendet, und wir wurden ins Hotel gebracht.

Nach einer kurzen Pause für jeden machten wir uns gemeinsam noch mal auf den Weg in die Stadt. Bei einem Bummel in der Fußgängerzone entdeckten wir dann ein Lokal, in dem wir alle als Gruppe (10 Personen) ein Plätzchen fanden und gemeinsam zu Abend essen konnten. Natürlich gab es vorher ein paar Fotos zur Erinnerung, mit dem Flair dieser schönen alten Stadt und nebenbei schauten wir uns auch noch die schöne Kirche an.In geselliger Runde ließen wir den Abend dann im Hotel ausklingen, es wurde viel gelacht und gefachsimpelt. Ich muss sagen, es ist schön, seine Mitstreiter in einer gelösten Atmosphäre anders kennen zu lernen.

Am nächsten Morgen gut gestärkt, gab es für uns noch einen Termin. Wir besichtigten das Grenzlandmuseum in Teistungen. Das ist eine Mahn und Gedenkstätte, die sich die Aufgabe gestellt hat, die Geschichte der deutschen Teilung darzustellen. Die Ausstellung zeigt, welche Motive und Hintergründe zur Errichtung der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer führten und welche persönlichen Schicksale damit verbunden waren. Gerade hier im Eichsfeld wurde gezeigt, wie die Bewohner unter dem Ausmaß der Teilung eines Ortes und der Trennung von Familien gelitten heben. Im Außenbereich ist ein 6 km langer Grenzlandweg über den früheren Kolonnenweg begehbar und ein Überwachungsturm zu besichtigen.

Den Abschluss bildete dann im Keller die Arrestzelle und der DDR-Konsum. Der eine oder andere konnte sich an Lebensmittel oder Dekoartikeln erinnern.

Ein großes Lob an den Herrn, der uns bei der Führung durch sein großes Fachwissen beeindruckte.

Als wir uns dann auf den Heimweg machten, gab es für jeden von uns viele neue Erfahrungen und Eindrücke. Ich denke, jeder hat an diesen Tagen Informationen für sich mitgenommen, die es nun gilt, vielleicht in die Tat um zu setzen.

Ein großes Dankeschön an Ottobock.

Ein Tipp an andere Selbsthilfegruppen: Macht Euch auf den Weg, es lohnt sich.

 

S.Wehde/W.Hahn